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Über Ordnung

Ordnung ist immer etwas Fiktives. Sie findet auf der Ebene des Gedankens statt. Außerhalb des Denkens gibt es so etwas wie Ordnung nicht. Das Sinnliche hat möglicherweise eine vorgegebene Einteilung in das Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken und Riechen, aber im Grunde genommen funktioniert der Körper als Gesamtheit und diese Einteilung in die fünf Kanäle der Wahrnehmung ist auch fiktiv. Jede Aufzählung ist fiktiv.

Die menschliche Wahrnehmung an sich - also die Gesamtheit vom Denken und der sinnlichen, körperlichen Wahrnehmung - ist ohne Ordnung. Es gibt hier keine Grenzen. Alles kann in ein Ganzes zusammengefasst werden - die Gesamtheit der Wahrnehmung. Erst das Denken schafft Ordnung. Das Denken, das daraus besteht, dem Wahrgenommenen eine analoge Welt gegenüber zu stellen, indem jedes Element einen Namen bekommt. Die Welt wird dadurch in die Hosentasche gesteckt. Sie wird kompakt gemacht, sodass sie mit sich selbst herumgetragen werden kann. Menschen können aufgrund von Zeichen, Sprache und anderen materiellen Mitteln Modelle der Wirklichkeit bauen, oder Modelle für die Wirklichkeit. Sie machen Ordnung überhaupt erst möglich.

Durch Sprache, aber auch durch Zeichen, oder der einfachen Spur werden Grenzen gezogen. Die Linie ist immer konstruiert, da die eine und die andere Seite der Linie immer auch eine Gesamtheit darstellt. So kann die eine Seite der Linie einen Namen bekommen und die andere, aber auch die Gegenüberstellung beider Seiten. Ordnung ist ein Liniennetz. Ob organisch gewachsen oder konstruiert ist ganz egal. Die Ordnung kann sich an das Leben anpassen, oder das Leben an die Ordnung. Darüber hinaus kann man sich darüber Gedanken machen, welche Form von Ordnung wann dienlicher sein kann und jede dieser Ordnungsmöglichkeiten kann wieder einen Namen bekommen, der sie von der anderen abgrenzt.

Ganz egal wie sehr eine Ordnung für das praktische Leben wichtig wird und mit dem Leben verwoben ist, sie bleibt immer fiktiv - virtuell. Jede Ordnung ist eine virtuelle Analogie zur Gesamtheit Körper-Geist (und an der Grenze dazwischen könnte man die Seele verorten, wo auch immer diese Grenze liegen möge). Die Ordnung findet in der Gesamtheit Wahrnehmung statt und kann nicht davon getrennt werden.

Ordnungen können in Schrift, Zeichen und anderen Abbildungen, oder Darstellungen gelesen werden und reproduziert. Beziehungsweise können gesehene Ordnungen vielleicht auch nur als Inspirationen aufgenommen werden, da sich eine gelesene Ordnung nur in ein vorhandenes Ordnungsnetzwerk einfügen kann. Je nachdem welches Ordnungsnetzwerk in der nächstgelegenen Hosentasche zur Verfügung steht.

Jedenfalls mag ich es, meine Hosentaschen nach außen zu stülpen, um deren Inhalt auf dem Boden zu verteilen. Das schafft Überblick und gibt der Ordnung eine neue Perspektive. Es relativiert die als Wahrheit empfundene Ordnung und schafft etwas Neues, das sich vielleicht mehr ans Leben anpassen kann, als zum Beispiel der Idee vom Fortschritt und vom Kapitalismus, der die Welt, mit all ihrer naturgegebenen Ordnung zu Grunde richtet. Auch der Kapitalismus sollte seine Hosentaschen leeren und eine Neuordnung vornehmen. Wir würden dann diese neue Ordnung vielleicht ganz anders nennen und sie würde uns nicht mehr die Luft zum Atmen nehmen und sie würde alle Menschen unter einen Hut bringen und in Sicherheit, anstatt sie der Ordnung der Ausgrenzung und Ausblendung und Verdrängung auszusetzen. Eine Gesamtheit aller Gesamtheiten der Menschheit vielleicht. Oder ganz einfach Frieden und Liebe und überall.

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